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Vita

 

 

1900 – 1924

 

Nach einer abgeschlossenen kaufmännischen Lehrzeit studierte Rudolf Schmidt-Dethloff Malerei von 1919 - 1924 in Hamburg (Prof. Thedy), Weimar und Schwaan (Prof.  Franz Bunke), München und Dresden (Prof. Richard Müller, Oskar Kokoschka). Mit seinem Lehrer und Freund Prof. Franz Bunke, dem Begründer der Malerkolonie Schwaan, unternahm er ausgedehnte Studienreisen nach München, Wien, Tirol, an den Bodensee, Rom, Triest und Venedig.

 

 

1925 – 1945

 

Von 1929 bis 1936 wirkte er als Vorsitzender der Rostocker Künstlervereinigung und nahm an vielen Ausstellungen teil. Erste Ausstellungsbesprechungen in der Rostocker Zeitung erwähnen ihn 1925 (Netherlands Institute for Art History). 1937 – 1939 Sommeratelier in Ahrenshoop. Bilderentfernung als entartet aus dem Besitz der Stadt Rostock. Während der Kriegszeit erstellte er mehrere Wandgemälde in der Königsjäger- Kaserne in Stettin. Nach dem Kriegsdienst als Sanitätsgefreiter geriet er in russische Gefangenschaft in Auschwitz:

 

Während dieser Zeit entstand eine Serie von Bleistiftzeichnungen. Schmidt-Dethloff zeigte die Gesichter seiner Mitgefangenen. Nicht ohne Hintergrund sind sie unten links mit „Auschwitz“ bezeichnet. Die ausgemergelten Köpfe mit dem hoffnungslosen Gesichtsausdruck könnten ebenso aus der finstersten Zeit von Auschwitz stammen. Dies sind die einzigen Bilder von Schmidt-Dethloff, die keine Heiterkeit ausstrahlen, die nicht seinen tiefen Humor in allen Lebenslagen zeigen. Aber die Skizzen sagen auch, dass er immer und in jeder Situation beobachtender Künstler war. In seinem Kopf entstanden bereits die farbigen Bilder seiner Mecklenburgischen Heimat, an deren Verwirklichung er sich sofort nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft machte. Für viele Gefangene – egal wo auf der Welt – eine Durchhalte- und Überlebensstrategie.

 

Von 1946 bis 1952 unterhielt er ein Atelier in der Künstlerkolonie Ahrenshoop (Dorfstraße 41, Haus Sudeck), wo er auch Malunterricht gab (Ahrenshooper- Künstlerlexikon, Friedrich Schulz). Neben Einzelausstellungen fanden in dieser Zeit Gemeinschaftsausstellungen mit Theodor Schultze-Jasmer, Georg Hülsse, Thuro Balzer, Hertha von Guttenberg, Fritz Koch-Gotha, Käthe Miethe, Rudolf Leonhard, Bruno Gimpel, Hans E. Oberländer, Hedwig Holtz-Sommer, Max Schenk, Martha Voß, G. Kaulbach, Kurz-Wilhelmi, Elsbeth Huther und Alfred Partikel statt. (Rostock, Schwerin, Dessau, Berlin, Bremen, Hamburg, Lübeck, Kunstkaten Ahrenshoop, Dauerausstellung im Kurhaus Ahrenshoop).

 

 

1946 – 1953

 

Da er der sozialistischen Kunstrichtung nicht folgen wollte, floh er 1953 aus der DDR nach Westberlin und wurde als politischer Flüchtling anerkannt (Kongress für kulturelle Freiheit, 19.02.53). Dabei ist der größte Teil seiner Ölbilder in seinem Elternhaus in Rostock verblieben und von der DDR-Volkspolizei zerstört worden:

 

1950 heiratete Schmidt-Dethloff in Wustrow bei Ahrenshoop die 20 Jahre jüngere Westberlinerin Erika Peter. So pendelte er drei Jahre zwischen seinem Elternhaus in Rostock, seinem Atelier in Ahrenshoop und dem Wohnsitz seiner Frau in Westberlin. Schon bald war ihm bewusst, dass ein weiteres Leben und Arbeiten in der DDR für ihn unmöglich war. Bei der Vorbereitung seiner Flucht nach Westberlin war es ihm ein besonderes Anliegen zumindest einen Teil seiner Werke bei seiner Frau in Westberlin einzulagern. Dazu benutze er eine große Mappe und sein Fahrrad. Für Kontrollen sorgte er auf die ihm eigene Art vor: Schmidt-Dethloff malte den Wiederaufbau seiner Heimatstadt Rostock und von Ostberlin. Damit hielt er die herausragenden Leistungen des Sozialismus fest. Diese Blätter legte er zuoberst, erläuterte sie den kontrollierenden Volkspolizisten und erweckte den Eindruck, mit einer Ausstellung in Westberlin dem verhassten Westen zu zeigen, zu was die arbeitende Klasse in der DDR fähig sei. Leider funktionierte der Trick mit dem größten Teil der Ölbilder (Öl auf Holz) aus Gewichtsgründen nicht. Nach seiner endgültigen Flucht – mit der gesamten Familie - und Anerkennung als politischer Flüchtling, stürmten Volkspolizisten das verlassene Elternhaus in Rostock und zerstörten aus Wut alle verbliebenen Bilder. Vor der Hochzeit sagte der Freund und Schriftsteller Ehm Welk zur Braut: Zerbrechen Sie mir die zarte Künstlerseele nicht. Nun, Ehe und Schaffenskraft hielten bis zu seinem Tod.

 

 

1954 – 1971

 

Dies war seine wohl schaffensreichste Zeit. Wohnsitze in Cuxhaven, Bregenz, Heidelberg und Freiburg folgten. Seine Frau, die als Empfangssekretärin in verschiedenen Hotels das Geld verdiente, wechselte ihre Anstellungen um ihrem Mann Gelegenheit zu geben in unterschiedlichen Regionen tätig zu sein. Ab 1957 lebte er bis zu seinem Tod 1971 mit seiner Frau in Lindau (Bodensee). Dort restaurierte er für das Lindauer Museum „Zum Cavazzen“ und für private Auftraggeber ältere Ölgemälde. An all seinen verschiedenen Wohnsitzen schuf er wundervolle, leuchtende Aquarelle.

 

Es gibt sicherlich wenige Künstler, die sich wie Schmidt-Dethloff allein auf die Aquarellmalerei und Landschaftsbilder beschränkten, um diese Form zur absoluten Vollendung zu gestalten, ihre volle Flächigkeit Ölbildern gleichen zu lassen. Die zumeist großflächigen Landschaften leuchten dem Betrachter entgegen, zeigen oft das gleiche Motiv in den unterschiedlichsten Stimmungen und Jahreszeiten. Schmidt-Dethloff war kein Ateliermaler, all seine Bilder entstanden mit der Staffelei in der Landschaft, in der Natur des Lichtes, ohne oft übliche Vorskizzen. In ihrer impressiven bis expressiven, stark farblichen Ausstrahlung bringen sie den Betrachter zu einer ständig wechselnden Reflexion zwischen dem Bild und der eigenen Sichtweise und Tagesstimmung.

 

Zahlreiche Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen (Lindau, Kempten, Hamburg, Bonn, Bremen, Buxtehude, Cuxhaven, Augsburg, Berlin, Rostock, Dessau, Esslingen, Neapel, Nola, Torre del Greco, Diepoldshofen, Meersburg, Wustrow u.a.) begleiteten seinen Lebensweg. Er war Mitglied des Berufsverbandes bildender Künstler Berlin, später der Künstlergilde Esslingen und des Club D’Arte Michelangelo in Neapel, deren Preisträger er wurde.

 

 

 


 

 

Rudolf Schmidt-Dethloff – ein unpolitisches Leben für die Kunst in schweren Zeiten

 

Mit Schreiben vom 06.06.1933 beantragte Schmidt-Dethloff als Vorsitzender der Rostocker Künstler beim Rat der Stadt Rostock die Überlassung der Museumsräume für eine Ausstellung. Für die Genehmigung wurde eine Liste der Vorstandsmitglieder und ein Mitgliederverzeichnis verlangt. Daraufhin wurden in einem Schreiben des Prof. Dr. O. Burmeister vom 14.06.1933 Bedenken gegen den Künstler Bruno Gimpel geäußert, da dieser nicht den Ideen der nationalen Bewegung zu entsprechen schien. Ebenso äußerte sich die Museumsverwaltung. In einem persönlichen Gespräch wurde Schmidt- Dethloff mitgeteilt, dass der Vorstand der Rostocker Künstler im Einvernehmen mit dem Kampfbund für deutsche Kultur ergänzt wird. So blieb ihm nichts anderes übrig als Bruno Gimpel zum Verlassen der Vereinigung aufzufordern und selber der NSDAP (bis 1939) beizutreten. Ab 1935 unterzeichnete er als Gaukulturreferent der N.S. Kulturgemeinde.

 

Das änderte nichts daran, dass er ab 1937 nicht mehr dem Vorstand angehörte und seine Bilder am 17.8.1937 als entartet aus dem Rostocker Museum entfernt wurden. Bei der Forschungsstelle für entartete Kunst in Berlin wird ein Bild als verbrannt mit der Beschlagnummer 9934 aufgelistet.

 

In der Pommerschen Zeitung vom 13.4.1944 wird der Sanitäts-Obergefreite Schmidt- Dethloff mit von ihm erstellten Wandmalereien mit fast naiven Motiven aus der Heimat in der Königsjägerkaserne in Stettin abgebildet. 1945 landete er in Auschwitz in sowjetische Gefangenschaft, wurde dort von einem Soldaten fast erschlagen und zeichnete die Köpfe seiner Mitgefangenen. 1953 setzt sich der „Kongress für kulturelle Freiheit“ (Carlo Schmid, Willi Brandt, Günther Birkenfeld u.a., später als CIA-Organisation enttarnt) im Bundesnotaufnahmeverfahren für ihn ein: Er hat als Künstler dem Ostzonenregime keinerlei Konzessionen gemacht und war dadurch seit dem Jahre 1950 bereits in Schwierigkeiten und in Verdacht geraten. Ebenso setzte sich für ihn die Vereinigung der deutschen Schriftstellerverbände ein. Ein Gutachten wurde von dem Kunstkritiker Dr. Felix A. Dargel erstellt. So wurde Schmidt-Dethloff am 12.3.1953 als politischer Flüchtling anerkannt.

 

 





Auschwitz

 

1945 geriet Schmidt-Dethloff als Sanitätsgefreiter der deutschen Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wurden vorübergehend Teile des Lagers von den russischen Truppen zur Internierung deutscher Kriegsgefangener genutzt. 

 

So entstand während dieser Zeit eine Serie von Bleistiftzeichnungen. Schmidt-Dethloff  zeigte die Gesichter seiner Mitgefangenen. Nicht ohne Hintergrund sind sie unten links  mit „Auschwitz“ bezeichnet. Die ausgemergelten Köpfe mit dem hoffnungslosen  Gesichtsausdruck könnten ebenso aus der finstersten Zeit von Auschwitz stammen.  

 

Dies sind die einzigen Bilder von Schmidt-Dethloff, die keine Heiterkeit ausstrahlen, die  nicht seinen tiefen Humor in allen Lebenslagen zeigen. Aber die Skizzen sagen auch, dass er immer und in jeder Situation beobachtender Künstler war. In seinem Kopf entstanden bereits die farbigen Bilder seiner Mecklenburgischen Heimat, an deren Verwirklichung er sich sofort nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft machte.  Für viele Gefangene – egal wo auf der Welt – eine Durchhalte- und Überlebensstrategie.  

 



 

 

 

Mein Stiefvater

 

Sechs Jahre war ich alt, als ich 1950 meinen Stiefvater, den Kunstmaler Rudolf Schmidt-Dethloff, kennen lernte. Es war eine für mich ambivalente Begegnung. Einer, der Bilder malt - und sonst nichts tat. Überall lagen die Aquarelle in der kleinen Wohnung verstreut herum, eine verschmierte Staffelei, eine bunte Palette, Pinsel, Tücher, Farbtuben.

 

Schmidt-Dethloff war von kleiner Statur, hager, noch immer von der Kriegsgefangenschaft gezeichnet, schüttere graue Haare, eine große Hornbrille, ein weiches und gütiges Gesicht. Auf dem Fensterbrett stand in einem tönernem Topf eine Amaryllis, und der Maler davor. Interessiert beobachtete ich ihn bei seiner Arbeit, fasziniert wie sich scheinbar wahllos verteilte Farbkleckse zu einem Aquarell formten, das noch heute mein Lieblingswerk ist.

 

Eines Tages in den Ferien fragte er mich, ob ich ihn zum Malen begleiten wolle. Begeistert stimmte ich zu. Er packte seinen Zeichenblock und andere Utensilien in einen großen Rucksack und klemmte sich die Staffelei unter den Arm. Wir gingen durch viele Straßen in Heidelberg bis an den Rand der Stadt. Was wollte er bloß malen, wo war sein Motiv? Er hielt am Straßenrand inne und hob die Hand. Per Anhalter? Ein Lastwagen stoppte, und wir wurden mitgenommen. An einer Stelle in der freien Landschaft stiegen wir aus, erklommen einen Hügel, stellten die Staffelei in die Wiese, und es entstand eines der vielen farbenprächtigen Aquarelle. So schöpfte er seine Bilder aus dem tiefen Willen, Landschaft auf das Papier zu bringen, wie seine Augen sie sahen. Für mich damals eine fremde und doch innerlich berührende Welt.

 

Heute, Jahrzehnte nach seinem Tod, beginnt mein Verstehen, einem Künstler begegnet zu sein, der die Kunst des Aquarells zur Perfektion beherrschte. Impressionistische und expressionistische Elemente vermischen sich. Abstraktion im Sinne einer Vereinfachung, einer Abbreviatur, ist ebenso zu bemerken, wie die Absicht der Natur gerecht zu werden. Das gegebene Objekt wird auf die Grundelemente vereinfacht. Dabei werden von dem Künstler wesentlich erscheinende Einzelheiten, betont, sodass Akzente gesetzt werden, die das Werk verlebendigen. Bei den Landschaften spürt man, dass Lebendes und sich Wandelndes dargestellt ist. Die elementaren Naturerscheinungen: Sturm und Regen, Sonnenschein und Wolkenzug, dörrende Hitze und klirrende Kälte sind in seinen Bildern gewissermaßen der Landschaft zugehörig. Diese Landschaften sind nie “Landschaft an sich”, sondern immer unter dem Aspekt der wirkenden Elemente zu betrachten. In die Dinge eindringen, die Besonderheiten ihrer Natur erfassen und durch Aufbau und Farben nicht nur  die Natur zu reproduzieren, sondern auch einen Bericht über sie zu liefern war das Hauptanliegen von Schmidt-Dethloff. Hierbei sind besonders seine norddeutschen Arbeiten in den ernsten Farben der nördlichen Landschaft, in der Verbindung von Wasser und Luft hervorzuheben.

 

Als ich 2002 erstmals Rostock und den Darß bereiste, erschien mir die Fahrt wie ein Deja-vu Erlebnis. Die Aquarelle hatten sich so in mir festgesetzt, dass ich spürte die Landschaft bereits zu kennen. Dies zeugt von der gewaltigen Ausdrucksstärke und Kraft, die von Schmidt-Dethloff's Bildern ausgeht.

 

Schmidt-Dethloff beherrschte die Technik der Aquarellkunst perfekt. Höhepunkte sind seine Blumenstillleben, die zumeist am Bodensee entstanden sind. Leider sind die meisten Ölbilder aus der Schaffenszeit in der Künstlerkolonie Ahrenshoop, wo man ihn respektvoll den “Fischlandmaler” nannte, nach seiner Flucht von Rostock nach Westberlin von der DDR-Volkspolizei zerstört worden. Vielleicht ein Grund, warum er sich vermehrt dem Aquarell zuwandte. Motive fand er in ganz Deutschland, in Österreich, der Schweiz und in Italien. Motiv war für ihn, was sein Auge erblickte, doch nie eine Auftragsarbeit oder gar der Wunsch des Verkaufens. Druckgrafik war nie seine Sache. Wenn es für Papier und Farbe reichte, dann war er zufrieden. Drucke oder andere Vervielfältigungen hat er nie angefertigt. Das Geld verdiente meine 2011 verstorbene Mutter, der mein besonderer Dank gilt, einen begnadeten Maler mit ihrer Anwesenheit und bescheidenen Mitteln gefördert zu haben.

 

Andreas von Hollen, Lindau/Bodensee 2005

 

 



Erika Schmidt-Dethloff 2008

Rudolf Schmidt-Dethloff 1958